Der Urriese Ymir

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Die Schöpfungsgeschichte der Germanen

Die Welt in der Germanischen Mythologie beginnt mit einem Mord: Die Götter Odin, Vili und Ve (auch Wili und We – beide sind Odins Brüder) erschlagen den Urriesen Ymir und formen aus seinem Leib die Welt – aus dem Blut das Meer; aus dem Fleisch die Erde.

Warum die Götter Ymir töten, erfahren wir nicht. Er war „böse“, wie alle von seinem Geschlecht (welches die Hrimthursen sind, die Frostriesen), heißt es etwas pauschal in der Jüngeren Edda. Jedoch sind die Götter, die Ymir erschlagen, sogar entfernt mit ihm verwandt: Ihre Mutter ist Bestla, die Tochter des Riesen Bölthorn.

Der Urriese Ymir wird von Odin, Vili und Ve erschlagen
Version in höherer Auflösung (1400 x 2000 Pixel): Ymir

Es gibt also auch schon eine Welt mit vielen Kreaturen vor der Welterschaffung aus dem Leib des Urriesen Ymir. Am Anfang der Zeiten gab es das eisige Niflheim im Norden und das glühendheiße Muspelheim im Süden. Dazwischen die „Kluft der Klüfte“, Ginnungagap genannt. In Ginnungagap traf das Eis aus Niflheim auf Feuerfunken aus Muspelheim. Es schmolz und aus den Tropfen entwickelte sich der Urriese Ymir, der von den Riesen Oergelmir genannt wird. Wie konnte dieser Riese aus Tropfen entstehen? Dazu heißt es in einem rätselhaften Vers der Jüngeren Edda nur, „aus dem Eliwagar (den Eisströmen aus Niflheim) fuhren Eitertropfen und wuchsen, bis ein Riese ward“.

Aus dem schmelzenden Eis entsteht auch die Kuh Audhumla (die Milchreiche). Aus Ihrem Euter fließen vier Milchströme, von denen sich Ymir ernährt. Somit beginnt die Welt mit einem friedlichen Bild, einem Urwesen, das gut versorgt ist. Der Urriese erweist sich als fruchtbar in sich selbst. Es heißt in der Jüngeren Edda, er schwitzte beim Schlafen und dabei wuchsen ihm unter der linken Achsel ein Mann und ein Weib. Außerdem zeugte sein einer Fuß mit dem anderen einen Sohn. Das Geschlecht der Hrimthursen war geboren.

Doch auch die Kuh Audhumla lässt es sich nicht nehmen, auf solch ungeschlechtliche Weise Wesen zu (er)zeugen: Sie leckt aus dem salzigen Eis eine Gestalt frei, einen schönen starken Mann: Buri. Dieser „gewinnt“ einen Sohn (mit wem als Mutter lässt die Jüngere Edda offen), der Bör heißt. Der vermählt sich mit Bestla, der Tochter des Riesen Bölthorn, und zeugt Odin, Vili und Ve.

Odin, Vili und Ve erschlagen Ymir und ertränken in seinem Blut alle Hrimthursen. Bis auf Bergelmir, der mit seinem Weib in einem Boot entkommt und zum Stammvater einer neuen Generation von Frostriesen wird.

Diese Szene erinnert an den Griechischen Mythos: Am Anfang, so berichtet die Griechische Sage, herrschte das Chaos. In diesem erzeugt Gaia, die Erde, das Meer und den Himmel: Pontus und Uranos. Uranos zeugt mit seiner Mutter Gaia die Titanen, drei Zyklopen (auch Kyklopen) und drei hundertarmige Riesen. Es wimmelt in der Griechischen Sage bei der Weltentstehung nur so von Riesen. In zwei Schlachten bezwingt Zeus, ein Sohn des Titanen Kronus, schließlich das Riesenvolk, zunächst die Titanen, später die Giganten (die aus Blutstropfen entstanden waren, als Kronus seinen Vater Uranus entmannte). Zwischendurch besiegt Zeus auch noch den hundertköpfigen, feuerspeienden Riesen Typhon.

Beiden Schöpfungsmythen, dem germanischen und dem griechischen, liegt der Gedanke zugrunde, dass die Welt zunächst von ungeschlachten Urwesen bevölkert wird, die dann von einem neuen Geschlecht (den Göttern) bezwungen oder getötet werden.