Midgardschlange – Thor bei Hymir

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Mit der Riesin Angorboda zeugte der Feuergott Loki drei Wesen: Den Fenriswolf, Hel, die Herrscherin über das Totenreich, und Jormungand (altnordisch: Jörmungandr), das ist die Midgardschlange. Odin warf die Schlange in die tiefe See. Dort wuchs sie zu solcher Länge an, dass sie ganz Midgard, die Mittelwelt (die Welt der Menschen), umringt und sich in den Schwanz beißt.

Sowohl die Ältere als auch die Jüngere Edda berichtet von einer Begegnung des Gottes Thor mit der Midgardschlange. Die Germanische Mythologie ist oft von neueren Schriftstellern nacherzählt worden. In diesen Nacherzählungen der Sagen werden die beiden Berichte, die in Einzelheiten voneinander abweichen, vermischt. Ich stelle beide Versionen zum Vergleich gegenüber:

Hymirlied in der Älteren Edda

In der Älteren Edda, der Liedersammlung, erzählt das Hymirlied (Hymiskvida) von der Begebenheit.

Die Asen (die germanischen Götter) wollen bei dem Wasserriesen Ägir ein Festmahl halten, erfahren durch ein Orakel jedoch, dass Ägir keinen genügend großen Kessel hat, um für alle Asen Bier zu brauen. Der Kriegsgott Tyr weiß Abhilfe: Sein Vater, der Riese Hymir, hat einen gewaltigen Kessel.

Tyr begibt sich mit Thor zu Hymir. Statt des Riesen treffen sie nur seine Frau und deren Mutter (also Tyrs Mutter und Großmutter) an. Seine Großmutter sieht Tyr ungern, denn sie ist eine Riesin mit 900 Köpfen. Tyrs Mutter dagegen wird anmutig geschildert, blond („allgolden“) und „weißbrauig“. Sie rät den Asen, sich unter einen der großen Kesseln zu verstecken, da Hymir den Besuch nicht gern sehen wird.

Dann kommt Hymir übel gelaunt von der Jagd heim. Sein „Kinnwald“ (der Bart) ist gefroren. In der Tat ist Hymir über den Besuch, von dem ihm seine Frau erzählt, wenig erfreut. Sein Blick lässt Balken und einige Kessel zerspringen, so dass es gut war, dass Thor und Tyr unter dem Kessel Schutz suchten. Dann beruhigt der Riese sich aber doch. Stiere werden geschlachtet und gebraten. Da entsteht dem Riesen neuer Verdruss: Denn Thor verspeist allein zwei Stiere.

Daher will der um seine Vorräte besorgte Hymir am nächsten Tag mit Thor auf Fischfang gehen. Als Köder reißt Thor einem von Hymirs Stieren den Kopf ab. Hymir fängt zwei Wale. Thor befestigt den Stierkopf an einem Seil und wirft den Köder aus. Gähnend hascht nach solcher Atzung der „Erdumgürter“ (die Midgardschlange). Thor zieht den „schimmernden Giftwurm“ bis zum Schiffsrand und schlägt der Midgardschlange mit seinem Hammer Mjölnir aufs Haupt. Felsen krachen, Klüfte heulen, ächzend fährt die alte Erde zusammen. Die Midgardschlange versinkt im Meer.

Thor, Hymir und die Midgardschlange
Midgardschlange – Version in höherer Auflösung (1400 x 1000 Pixel)

Zurückgekehrt verlangt Hymir eine Kraftprobe von Thor: Er soll Hymirs Kelch zerbrechen. Thor gelingt dies schließlich nach mehreren vergeblichen Versuchen, als Hymirs Frau ihm rät, den Kelch an die harte Stirn des Riesen zu werfen. Danach trägt Thor den großen Kessel von dannen, indem er ihn sich über den Kopf stülpt. Der Kessel geht ihm bis zu den Knöcheln. Thor und Tyr sind noch nicht weit gegangen, da merken sie, dass sie von vielen Riesen verfolgt werden. Thor erschlägt sie alle mit seinem Hammer Mjölnir.

Midgardschlange und Hymir in der Jüngeren Edda.

Die Jüngere Edda ist ein Buch des isländischen Dichters Snorri Sturluson und in Prosa geschrieben. Snorri lässt die ganze Erzählung von dem geplanten Festmahl bei Ägir, von der Beschaffung des Kessels und von Hymirs Frau und Schwiegermutter, weg.

Thor kommt allein zu Hymir und übernachtet bei dem Riesen. Am nächsten Tag will der Riese zum Fischen gehen. Als Thor Hymir bittet, mitkommen zu dürfen, verspottet der Riese ihn, dass er es auf See wegen der Kälte wohl nicht lange durchhalten wird. Um seine Kraft zu beweisen, reißt Thor einem Ochsen des Riesen den Kopf ab und nimmt ihn als Köder mit.

Auf See befestigt Thor das Ochsenhaupt an einer starken Angelschnur und wirft es aus. Die Midgardschlange schnappt nach dem Köder und zieht so heftig an der Schnur, dass Thor sich am Schiffsrand stößt. Da besinnt sich Thor auf seine Asenstärke: Er durchstößt mit seinen Füßen das Boot und stemmt sich gegen den Meeresgrund: so zieht er die Midgardschlange aus dem Wasser. Furchtbar ist das Ungetüm anzusehen, wie es Thor entgegenstiert und Gift bläst!

Hier folgt nun die wesentliche Abweichung vom Hymirlied, ein Detail, das sich in fast jeder Nacherzählung der Sagen findet: Bevor Thor mit Mjölnir zuschlagen kann, zerschneidet Hymir die Angelschnur mit einem Messer und die Midgardschlange versinkt ungetroffen in der See.

An dieser Stelle meldet sich im Text der Erzähler zu Wort und berichtet, dass Thor der Midgardschlange den Hammer hinterher wirft und dass „die Leute sagen, er habe ihr auf dem Meeresgrund das Haupt abgeschlagen“. Doch der Erzähler vermutet, dass die Midgardschlange noch lebt.

In zwei kurzen Sätzen beendet der Erzähler die Geschichte. Thor schlägt Hymir mit der Faust so ans Ohr, dass er über Bord stürzt und seine Fußsohlen sehen lässt. Dann watet Thor ans Land.

Die Midgardschlange in der Ragnarök, der Götterdämmerung am Weltende

In der Tat scheint die Midgardschlange die Begegnung mit Thor überlebt zu haben. Denn am Ende der Welt, der Ragnarök, steht sie ihm nach den Voraussagungen der Edda erneut Thor gegenüber. Zusammen mit dem Fenriswolf, dem Höllenhund Garm und den Eisriesen (Hrimthursen) greift sie in der letzten Schlacht die Asen an. Thor tötet die Midgardschlange, stirbt aber durch ihr Gift, kaum dass er neun Schritte davongegangen ist.