Ägir, der Meerriese

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Ägir, auch Oegir geschrieben, ist der Meerriese. Man kann ihn auch als Meergott ansehen. Ein anderer Name für ihn ist Gymir. Seine Gattin ist Ran, die Raffende, die Schiffe zum Kentern bringt und die Ertrinkenden in ein unterseeisches Totenreich hinabzieht. Mit ihr hat er neun Töchter, die verschiedene Wellenformen symbolisieren: die schäumende Unn, die fließende Hrönn, die wogende Bylgja, sodann Dröfn, die Schaumbefleckte, Kólga, die Kühlende, Dúfa, die Hohe, Blódughadda, die Bluthaarige (rot schäumende), Hefring, die Steigende, sowie Himinglæva, durch die der Himmel zu sehen ist (durchsichtiges Wasser).

Ägir und seine neun Töchter:

Ägir ist oft zu Gast bei den Asen. Die Skaldskaparmal, ein Teil der Jüngeren Edda, berichtet, wie er sich mit Bragi, dem Gott der Dichtkunst unterhält und sich von den Abenteuern der Asen berichten lässt, ein Tischgespräch, das die Rahmenhandlung für Sagen über Odin und Loki bildet.

Einmal wird durch ihn ungewollt eine abenteuerliche Geschichte in Gang gesetzt: Er hatte die Asen zu einem Gelage eingeladen, diese Einladung aber schon bald wieder vergessen. Von Thor daran erinnert und mittlerweile anderen Sinnes geworden, versucht er sich damit herauszureden, dass ihm ein genügend großer Braukessel zum Bierbrauen fehlt. Die Asen beratschlagen daraufhin lange und gründlich. Sie werfen Runenstäbe, beschauen Opferblut … anscheinend war es in alter Zeit keine Kleinigkeit, einen großen Kessel herbeizuschaffen. Schließlich ziehen Thor und der Kriegsgott Tyr los, um vom Riesen Hymir, Tyrs Stiefvater, einen Kessel zu besorgen. Was sie dabei erleben, siehe unter Midgardschlange – Thor bei Hymir.

Hier nur soviel, dass sie mit einem Braukessel zurückkommen. Das Trinkgelage beim Meerriesen kann also stattfinden:

Ägirs Trinkgelage

Die Asen suchen Ägir in seiner Behausung auf dem Meeresgrund auf, deren Wände aus durchsichtigem Kristall bestehen. Erleuchtet wird der Raum vom Gold gesunkener Schiffe. Loki kommt ungeladen. Als Ägirs Türhüter ihm den Zutritt verwehrt, erschlägt Loki ihn und flüchtet vor den aufgebrachten Gästen in den Wald. (An dieser Stelle würde man den alten Dichtern und Geschichtenerzählern gerne einen Lektor an die Seite stellen: Denn wo sollte in der Nähe einer unterseeischen Halle ein Wald liegen? Aber schauen wir darüber großzügig hinweg.)

Die Gäste beruhigen sich und das Gelage nimmt seinen Fortgang. Doch Loki schleicht sich wieder herbei. Er tritt in die Halle und mahnt Odin an den Bruderbund, den er einst mit ihm geschlossen hat. In der Tat lässt Odin ihm nun einen Platz an der Tafel zuweisen. Der erschlagene Türhüter ist schon vergessen.

Wie man sieht, kommt der Meerriese Ägir in dieser Sage gar nicht weiter vor. Eine bedeutsame Rolle fällt ihm in den alten Sagen nicht zu.

Das Gelage geht jedenfalls so weiter, dass Loki die anderen Gäste beleidigt und schmäht. Diese Schmähungen werden in der Oegisdrecka, dem Lied über Oegirs Trinkgelage, besungen. Schließlich flieht Loki vor den empörten Gästen, indem er sich in einen Lachs verwandelt und davonschwimmt. Später werden die Asen seiner habhaft, und binden ihn mit den Gedärmen seines Sohnes Nari an einen Felsen, wo er bis auf den heutigen Tag gefesselt ist.

Der Oegirshelm

Ob der Name des Oegirshelms sich überhaupt von Oegir (dem Meerriesen Ägir) ableitet, ist umstritten. Der Name bedeutet Schreckenshelm. Es ist ein Helm, der schon durch sein Aussehen (wie ein wütender Eber) Menschen in Schrecken versetzt und seinen Träger befähigt, sich in ein furchteinflößendes Wesen zu verwandeln.

In der Sage über die Niflungen – das ist die nordische/isländische Variante des Nibelungenlieds – besitzt ein gewisser Hreidmar diesen Helm. Seine Söhne Fafnir und Regin töten ihn, um an sein Gold zu kommen. Fafnir prellt den Bruder um dessen Anteil und verwandelt sich mit Hilfe des Helms, der mit zur Beute gehört, in einen Drachen.

Der Oegirshelm ist also ein Äquivalent zur Tarnkappe im Nibelungenlied. Diese muss man sich als einen Mantel denken, als ein Cape, einen tarnenden Umhang, auch wenn man sich in neuerer Zeit meist einen Tarnhelm, also einen unsichtbar machenden Helm darunter vorstellt. Dies hat seinen Ursprung in der besagten nordischen Variante des Nibelungenlieds, in der statt der Tarnkappe der Oegirshelm vorkommt, der Schreckenshelm.