Brünhild und Kriemhild alias Brunhilde und Fredegunde

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Die beiden Merowingerfrauen Brunhilde (Brunichild) und Fredegunde sollen die Vorbilder für die streitenden Frauen Brünhild und Kriemhild im Nibelungenlied sein.

Außer der Namensähnlichkeit von Brünhild mit Brunhilde / Brunichild gibt es jedoch kaum Parallelen. Im Nibelungenlied geht es bei den Frauen um einen Streit, wer die ranghöhere von beiden ist und um eine Rachegeschichte. Beides kommt auch in der Vita der Merowingerfrauen vor.

Fredegunde (†597) war eine unfreie Magd aus dem Gesinde des Königs Chilperich von Neustrien, die bald die Konkubine des Königs und schließlich seine Frau wurde. Sicher schaute Brunhilde (* um 550; †613), die Tochter des Westgotenkönigs Athanagild und Gemalin König Sigiberts I. von Austrasien auf die ehemalige Magd Fredegunde herab. Dies mag in das Nibelungenlied eingeflossen sein, wo sich Brünhild und Kriemhild darüber streiten, wer als erste den Wormser Münster betreten darf.

Brünhild und Kriemhild vor dem Wormser Münster

Eine andere Version dieses Rangstreits wird in der Edda erzählt: Brynhild watet tiefer als Gudrun (gleichzusetzen mit Kriemhild) in einen Fluss hinein, um ihren Schleier zu waschen. Sie möchte nicht von dem Wasser berührt werden, das aus Gudruns Haaren rinnt. Damit beleidigt sie Gudrun tödlich, was zum Streit zwischen den Frauen und schließlich zur Ermordung Sigurds führt.

Im Nibelungenlied führt der Streit letztlich dazu, dass Siegfried durch Hagen von Tronje ermordet wird. Der Auftakt zu Kriemhilds ausufernder Rache an ihren Verwandten, den Burgundern. Bei den Merowingerfrauen ist es Brunhilde, die etwas zu rächen versucht: den Mord an ihrer Schwester Gailswintha.

Nachdem Sigibert I., König von Austrasien, Brunhilde geheiratet hate, wollte sein Bruder Chilperich, König von Neustrien, nicht nachstehen, verstieß seine erste Frau Audovera und heiratete Brunhildes Schwester Gailswintha, obwohl er schon Fredegunde zur Geliebten hatte. Wenig später ließ er Gailswintha erdrosseln und heiratete Fredegunde. Hieraus resultierte die persönliche Feindschaft zwischen Fredegunde und Brunhilde. Brunhilde hatte sicher zu recht als Drahtzieherin hinter dem Mord an Gailswintha die intrigante Fredegunde vermutet, und stachelte ihren Mann Sigibert zum Krieg gegen den Bruder Chilperich an . Das Ganze mündete in einen Krieg (Merowingischer Bruderkrieg ca. ab 561 – 613).

Soweit sind die Parallelen zwischen der Merowingischen Geschichte und dem Nibelungenlied doch eher spärlich. Schaut man sich dagegen die Charaktere von Brunhilde und Fredegunde an, wären sie aber durchaus würdig, in dem düsteren Nibelungenlied aufzutreten. Beide Frauen zeichneten sich durch Grausamkeit und Skrupellosigkeit aus. Fredegunde ließ Menschen foltern, nur um zu sehen, wie viel Schmerz ein Mensch ertragen könne. Politische Probleme löste sie durch ausgeschickte Meuchelmörder. Während Fredegunde eines natürlichen Todes starb, hatte Brunhilde ein grausames Ende, das dem blutigen Schicksal der Nibelungen in nichts nachsteht: Ihre Feinde ließen sie drei Tage lang foltern und von einem Pferd zu Tode schleifen.

Von Fredegunde berichtet Gregor von Tours, der Chronist der Merowinger zur Zeit des Bruderkriegs, dass sie eines Tages versuchte, ihre Tochter Rigunth, mit der sie oft Streit hatte, zu töten. Sie zeigte Rigunth eine Kiste voll Gold und als die Tochter gierig in den Schätzen wühlte, schlug Fredegunde den schweren Deckel der Kiste zu und presste, dass Rigunth die Kehle zugedrückt wurde. Durch das herbeilaufende Gesinde wurde die Tochter gerettet.

Fredegunde und Rigunth

Es ist interessant zu verfolgen, wie sich dieses Motiv in die Sagen geschlichen hat. Oder vielleicht hat auch andersherum die Sage die Geschichte inspiriert. Jedenfalls findet sich das Motiv mit der Kiste in der Sage „Wieland, der Schmied“. Wieland wird vom König Nidung gefangen gehalten. Damit der Schmied nicht fliehen kann, werden ihm die Sehnen an den Knien durchtrennt. Zur Rache lockt Wieland die Söhne des Königs in seine Behausung und tötet sie, als sie in einer Kiste mit Wielands Schätzen wühlen, durch das Zuklappen des Deckels. Aus ihren Schädeln fertigt er Trinkgeschirre, aus denen er dem Vater, König Nidung, zu trinken gibt. Dann flüchtet Wieland mit einem selbstgebauten Flugapparat, und ruft dem König aus der Luft zu, dass er soeben aus den Schädeln seiner eigenen Söhne getrunken hat.

Dieses Motiv wiederum kennen wir aus der Fassung, die der Nibelungenstoff in der Edda angenommen hat: Gudrun (Kriemhild) will den Tod von Gunnar (Gunther) und Högni (Hagen) an ihren Mann Atli (Etzel / Attila) rächen. Sie tötet die beiden Söhne, die sie mit Atli hat, lässt aus ihren Schädeln Trinkschalen machen und gibt ihrem Mann daraus zu trinken.

In etwas veränderter Form findet sich das Motiv des Schädelbechers in den Langobardischen Sagen: König Alboin nimmt sich Rosamunde zur Frau, nachdem er ihren Vater, den König der Gepiden getötet hat. Aus dem Schädel des Vaters lässt er einen Becher fertigen. Auf einem Fest zwingt er seine Frau, aus dem Schädel ihres Vaters zu trinken.

Alboin und Rosamunde

Rosamunde glüht vor Racheverlangen. Sie sucht sich Helfer und lässt Alboin ermorden. Den Schädelbecher füllt sie mit Alboins Blut. Hier erscheint Rosamunde ähnlich wie Kriemhild als eine Rachefurie. Später vergiftet sie ihren Mitverschworenen und trinkt selbst den Rest des Giftes, halb von dem Sterbenden dazu gezwungen, halb freiwillig, da ihr nach Erfüllung ihrer Rache das Leben nichts mehr zu bieten hat.

Am Schluss noch eine Episode aus dem Leben der Königin Fredegunde, die amüsant beginnt und blutig endet. Eine Episode, die mit den alten Sagen mithalten kann, wie überhaupt das ganze Leben dieser mordlustigen Königin: Fredegunde hatte am Königshofe einen heimlichen Liebhaber, Landerich mit Namen. Eines Tages ging König Chilperich auf die Jagd, kehrte aber – um sich zu verabschieden – aus dem Stall nochmal zu seiner Frau zurück, die er sehr liebte. Fredegunde wusch sich gerade die Haare und stand mit dem Rücken zur Tür. Zum Scherz gab er ihr einen Schlag mit der Reitgerte auf den Hintern. Fredegunde rief: „Landerich, was fällt dir ein?“ Chilperich erbleichte, Fredegunde desgleichen, als sie sah, wer ihr den Schlag gegeben hatte. Dann ging der König wortlos zur Jagd.

Fredegunde erzählte ihrem Liebhaber Landerich von der Sache. Der jammerte, dass man ihn jetzt wohl foltern würde, nachdem die Affäre der beiden entdeckt sei. Doch Fredegunde fasste kaltblütig einen Plan. Das Paar sandte einen Knecht, der ihnen ergeben war, zu Chilperich. Der erdolchte den König.

Wem die Geschichte unwahrscheinlich vorkommt, der möge bedenken, dass sie vom Bischof Gregor von Tours überliefert wurde, der wohl zu den wenigen ehrlichen und aufrechten Menschen in der düsteren Zeit der Merowinger gerechnet werden darf.