Der Alexanderroman

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Manch einer mag sich fragen, was der griechische Herrscher Alexander der Große im Nibelungenjournal zu suchen hat? Aber der mittelalterliche Alexanderroman ist ein richtiger Ritterroman, dem Nibelungenlied näher als der Ilias, und deshalb wird er hier vorgestellt.

Zunächst berichtet der Roman vom Krieg der Griechen und Persern im Jahr 333 v. Chr. Richtig in Fahrt kommt die mittelalterliche Erzählung aber erst, nachdem der Held in der berühmten Alexanderschlacht den Perserkönig Darius geschlagen hat. „Was soll’s?“, fragt sich der Held, „erobere ich doch schnell noch die ganze Welt“, und führt sein Heer nach Indien und darüber hinaus.

Das Heer begegnet dabei vielen Ungeheuern und muss mit mythischen Völkern kämpfen: Mit Riesenkrebsen, Drachen, turmhohen weißen Löwen, Zyklopen, feuerspeienden pferdeköpfigen Menschen und goldenen kopflosen Menschen, deren Gesicht auf der Brust ist.

Alexander begegnet rätselvollen Frauengesellschaften: am ganzen Körper behaarte Frauen, Frauen mit Pferdefüßen, welche, denen ein Kuhschwanz aus dem Nabel wächst, um nur einige zu nennen.

Andere sind wunderschön, aber weiß wie Schnee und 3 Meter groß. Sie haben Zähne wie Hunde und beginnen mit einigen von Alexanders Soldaten das Liebesspiel – und treiben es so lange, bis die Männer ihr Leben aushauchen.

Alexander reitet bei diesen Abenteuern auf dem Pferd Bukephalos, das im Alexanderroman im Gegensatz zu den antiken Quellen gehörnt ist und Menschenfleisch frisst, weshalb man es angekettet in einem Käfig hält. Ihm wirft man Räuber und Mörder zum Fraß vor. Als Alexander an den Käfig tritt, wird das sonst ganz unbändige Tier zahm und damit zu seinem Reittier.

Besonders bekannt sind die Episoden, in denen der große Alexander, der im Roman als kleinwüchsig beschrieben wird, eine Luft- und eine Tauchfahrt unternimmt.

Auf einem himmelhohen Berg kommt ihm in den Sinn, irgendwann einmal auch den Himmel zu erobern. Um das Terrain zu sondieren, setzt er sich in einen hölzernen Käfig, an den Greife gekettet sind. Mit einem Stück Fleisch an einer Lanze lockt er sie in die Höhe, bis ihm die ganze Erde wie ein kleines Feld vorkommt.

Danach treibt es ihn, auch die Tiefe zu erkunden. In einer gläsernen Tonne lässt man ihn ins Meer hinab. Er sieht dort Fische und Wale, aber auch Bäume, Tiere und sogar Menschen, wie die auf der Erde, nur dass diese unter Wasser leben. In manchen Versionen der Geschichte wird er von seinen Leuten nicht wieder hochgezogen. Sondern er tötet zum Auftauchen eine Katze, die er extra für diesen Zweck mitgenommen hat, und bestreicht mit ihrem Blut die Glaswände. Da speit ihn das Meer, das diese Bluttat nicht erträgt, aus.

Der mittelalterliche Alexanderroman dichtet dem Herrscher übrigens eine recht unrühmliche Herkunfts- und Kindheitsgeschichte an: Am Anfang steht ein Ehebruch! Nicht Philipp von Mazedonien ist sein Vater, sondern der ägyptische Pharao Nektanebos II. Dieser flüchtet vor einem heranrückenden persischen Heer aus Ägypten und begibt sich an den mazedonischen Hof.

Dort prophezeit er der Königin, dass sie vom Gott Ammon (gemeint ist wohl Amun) schwanger werden wird. Dank seinen magischen Fähigkeiten verwandelt Nektanebos sich in einen Drachen, dringt ins Schlafgemach der Königin ein und verbringt mit ihr, die ihn für den Gott hält, eine Liebesnacht, aus der sie schwanger hervorgeht.

Ihr Gatte glaubt die Sache mit dem Gott und macht gute Mine zum bösen Spiel. Er nimmt Alexander wie einen eigenen Sohn an. Dieser entwickelt sich zu einem recht impertinenten Buben. Er will sich von dem Magier Nektanebos die Sterne deuten lassen und fragt ihn zunächst, was er als seine eigene Zukunft vorhersieht. Die entpuppt sich als nichts Gutes: Er, Nektanebos, werde von seinem eigenen Sohn ermordet, teilt ihm der Magier mit. Da stößt ihn Alexander, nicht wissend, dass Nektanebos sein Vater ist, in den Stadtgraben, nur um ihm zu beweisen, dass seine Prophezeiungen nichts taugen.

Damit erfüllt er aber gerade das prophezeite Schicksal. Dass er sein Sohn ist, teilt ihm Nektanebos sterbend mit. Nun ist Alexander doch etwas betroffen und sogar traurig, aber nicht lange. Hat er doch viel vor: z. B. die Welt zu erobern.

 

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Wie schon weiter oben angedeutet, gibt es verschiedene Fassungen des Stoffs, in denen vor allem die mythischen Begebenheiten voneinander abweichen. Die Version des Pfaffen Lambrecht klammert z. B. die Luft- und Tauchfahrt Alexanders aus. Die hier geschilderten Episoden sind einer französischen, mit Buchmalereien versehenen Fassung entnommen, die als Handschrift 78.C.1 im Kupferstichkabinett, Preußischer Kulturbesitz Berlin, aufbewahrt wird: der so genannte Berliner Alexander. Es gibt hierzu ein schönes Buch mit einer Kurzfassung des Inhalts (in Deutsch – Text von Angelica Rieger) und vielen z. T. großformatigen Abbildungen der Buchmalereien.

Die hier gezeigten karikaturhaften Bilder sind sehr frei nach den mittelalterlichen Buchmalereien gestaltet.