Die Jüngere Edda

zurück zur Übersicht

Quelle aller nordischen Sagen

Wer nach den Ursprungstexten der in zahlreichen Nacherzählungen vorliegenden Germanischen Sagen sucht, stößt alsbald auf die „Jüngere Edda“: Aus ihr und einer Liedersammlung – die „Ältere Edda“ genannt – speisen sich alle Erzählungen über Odin, Thor und Loki, über die Weltesche Yggdrasil und die Midgardschlange usw.

Die Jüngere Edda (auch Snorra-Edda genannt), das Buch des isländischen Dichters und Historikers Snorri Sturluson, gliedert sich in drei Teile: die Gylfaginning, die Skáldskaparmál und das Háttatal.

Die Gylfaginning

Der König Gylfi (König von dem Land, das heute Schweden heißt) schleicht sich unter dem Namen Gangleri in Walhall ein. Er kommt vor drei Hochsitze, auf denen drei Häuptlinge thronen: Har (der Hohe), Jafnhar (der Ebenhohe) und Thridi (der dritte). Als Gangleri stellt ihnen Fragen zum Kosmos und zu den Göttern, die sie bereitwillig beantworten. Das Gylfaginning liest sich ein wenig wie das „who is who“ der Germanischen Göttersagen und ist die wichtigste Quelle aller Nacherzählungen.

Am Ende verschwindet Walhall in einem Getöse und Gylfi steht alleine auf einer weiten Ebene. War alles nur Täuschung? Gylfaginning heißt „Gylfis Täuschung“. Die Jüngere Edda entstand erst zu christlicher Zeit, als der Glaube an die Germanischen Götter bereits geschwunden war. Snorri Sturluson schrieb das Buch um 1220. Die älteste, heute erhaltene Handschrift ist um 1300 entstanden. Sturluson wollte durch das Buch die alten Geschichten vor dem Vergessen bewahren.

Die Skáldskaparmál

Die Skáldskaparmál ist eine Stil-Lehre für Skalden (Dichter). In diesem Lehrbuch über die Regeln der Dichtung werden aber auch nordische Mythen und Heldensagen überliefert. Somit liest sich die Skáldskaparmál teilweise wie eine Fortsetzung der Gylfaginning.

Wir erfahren wie Thor und Hrungnir, der Riese, miteinander kämpfen, und wir hören vom Wettschmieden der Zwerge. Die Skáldskaparmál gibt eine Kurzfassung vom Nibelungenlied, und zwar in einer skandinavischen Variante mit Sigurd als Helden: die Geschichte von den Niflungen und Giukungen (siehe unter Die Nibelungen den Abschnitt „Die Niflungen in der Edda“).

Hrolf Kraki

Daneben gibt es in der Skáldskaparmál kleine, weniger bekannte Geschichten, z.B. diese Anekdote über Hrolf Kraki, vom dem die Skáldskaparmál sagt, dass er „der berühmteste aller Könige der Vorzeit“ war: Einst kam ein armer Bursche namens Wöggr in König Hrolfs Halle und sprach zum König: „Ich hörte sagen, König Hrolf sei der größte Mann in den Nordlanden; nun sitzt hier auf dem Thron eine kleine Krähe (Kraki).“

Hrolf Kraki und Wöggr

Fortan nahm der König den Namen Hrolf Kraki an und schenkte Wöggr, der geistige Größe mit körperlicher verwechselte, für die Namensgebung auch noch einen Goldring.

Menja und Fenja

Diese Geschichte spielt zur Zeit, als der römische Kaiser Augustus Frieden in der ganzen Welt stiftete. In Gotland (dem heutigen Dänemark – jedenfalls nach der Angabe in der Jüngeren Edda) herrschte König Frodi. Er hatte eine wundersame Mühle, die alles mahlte, was der Müller wollte. Frodi ließ für die schweren Mühlsteine, die sonst niemand drehen konnte, zwei Riesinnen als Mägde kaufen: Menja und Fenja. Ihnen gebot er, dass sie ihm in der Mühle Gold, Frieden und Glück mahlen sollten.

Doch er gestattete ihnen keine längeren Arbeitspausen, als die Zeitspanne, in der ein Kuckuck schwieg oder in der man ein Lied singen konnte. Da mahlten sie dem König aus Rache ein Heer und machten dem Frieden im Lande ein Ende.

Menja und Fenja mahlen das Heer

Der Seekönig Mysingr kam, bekriegte und tötete Frodi. Als Beute nahm Mysingr die Mühle und die Riesinnen mit auf sein Schiff. Er befahl Menja und Fenja, Salz zu mahlen. Sie mahlten, bis das Schiff sank. Seither ist das Meer gesalzen.

Neben der Erklärung, warum das Meer salzig ist, zeigt die Geschichte, dass nach langem Frieden eine Zeit der Kriege heraufdämmert. Eine ähnliche Tendenz, die Ankündigung eines Zeitalters immerwährender Kriege, hat auch die Erzählung von Högni und Hilde:

Högni und Hilde

Hilde, die Tochter des Königs Högni, wird von dem König Hedin als Kriegsbeute fortgeführt und geehelicht. Als Högni einen Feldzug startet, um seine Tochter zurückzuholen, hat sich Hilde wohl bereits in ihren Entführer und Mann verliebt, denn sie versucht, zwischen ihrem Mann und ihren Vater Frieden zu stiften, worauf Högni aber nicht eingeht. Die Schlacht beginnt und währt den ganzen Tag, bis sie bei Anbruch der Dunkelheit ausgesetzt wird. In der Nacht geht Hilde auf das Schlachtfeld und erweckt durch Zauberkunst alle Gefallenen zum Leben, woraufhin am nächsten Tag das Gemetzel von vorn anfängt usw. Es heißt, die Kämpfer würden bis zur Götterdämmerung so fortfahren.

Das Háttatal

Das Háttatal ist ein Preisgedicht auf einen norwegischen König und gleichzeitig ein Verzeichnis verschiedener Versarten. Da Snorri Sturluson hier Versmaße aus der altnordischen Dichtkunst präsentiert, gilt es als unübersetzbar.