Die Nibelungen

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Wer sind eigentlich die Nibelungen? Wer dieser Frage nachgeht, wird mit Verblüffung feststellen, das hier einige Verwirrung herrscht. Der Begriff ist so sehr gedehnt, dass zunächst einfach nur die Geschichte um den Drachentöter Siegfried irgendwie damit verknüpft ist. Bei genaueren Hinsehen scheinen dann Siegfrieds Mannen damit gemeint zu sein, aber später vor allem auch König Gunthers Mannen, die Burgunder. Hieraus hat man geschlossen, dass der Name an den Besitz des legendären Schatzes, des Nibelungenhorts, gebunden ist. Damit wäre er nach Siegfrieds Ermordung auf die Burgunder übergegangen.

Der Ring des Nibelungen

Konkreter wird es im Titel von Wagners Ring des Nibelungen. Hier ist also Alberich, ein Zwerg, der den verhängnisvollen Ring geschmiedet hat, ein Nibelung. Die Nibelungen sind demnach ein Zwergenvolk. Dies steht nicht im Widerspruch zur obigen Definition, denn wie ein Blick ins Nibelungenlied lehrt, gehört der Nibelungenhort zunächst, bevor Siegfried ihn gewinnt, den Zwergen.

Die Zwerge werden auch Alben genannt, besser noch Schwarzalben, denn sie schürfen das Gold in dunklen Stollen unter Tage. In Wagners Ring heißt dieser Ort Nibelheim und Wagner lässt seine Sänger auch aussprechen, woher der Name im Allgemeinen abgeleitet wird: Denn in Nibelheim blitzen feurige Funken „durch bleiche Nebel“, heißt es im Text. Im Mittelhochdeutschen heißt nibelen nebelig, bzw. Nibelunc Sohn des Nebels/der Finsternis.

Mit untrüglichen Gespür für dramatische Theatereffekte lässt Wagner den Abstieg nach Nibelheim durch die Schwefelkluft musikalisch mit rhythmischem Hämmern auf Ambosse begleiten. Der Nibelungen nächt’ges Heer, die Schwarzalben, müssen tief im Berg unter Alberichs Geißel nach Bodenschätzen graben, das Erz schmelzen, gießen und schmieden.

Das Nibelungenlied

Das Nibelungenlied selbst erwähnt keinen Nebel und keine dunklen Klüfte. Auch von einer Kleinwüchsigkeit der Nibelungen ist nicht die Rede. Hagen erzählt sehr knapp, wie Siegfried den Nibelungenhort gewinnt. Es ist die Rede von tapferen Männern, die den Schatz aus einer Berghöhle herausgeschafft haben, vom Land und vom Schwert Nibelungs, sowie von den kühnen Nibelungen Schilbung und Nibelung, Söhne eines mächtigen Königs.

Man darf aus dem gesamten Text wohl schließen, dass der König selbst Nibelung heißt, wie auch einer seiner Söhne, und dass also die Gefolgsleute des Königs – die tapferen Männer – die Nibelungen genannt werden.

Schilbung und Nibelung bitten Siegfried, den Nibelungenschatz unter ihnen aufzuteilen, sind aber mit seinem Teilungsvorschlag nicht einverstanden. Wütend hetzen sie ihre Gefolgsleute auf Siegfried. Hierunter sind zwölf tapfere Männer, das waren starke Riesen. Von einer Zwergenhaftigkeit der Nibelungen ist also nicht die Rede, ganz im Gegenteil. Ob das Nibelungenlied aber wirkliche Riesen meint, oder einfach sehr große starke Männer, um Siegfrieds Kraft herauszustellen, scheint mir offen zu bleiben. Siegfried erschlägt jedenfalls die Zwölf und noch weitere 700 Recken mit seinem Schwert Balmung. Auch Schilbung und Nibelung müssen dran glauben.

Dann bringt Hagen unvermittelt den Zwerg Alberich in seine Erzählung ein, als ob der Zuhörer diesen Zwerg kennen müsste. Endlich also eine Figur, wie man sich die Nibelungen eigentlich vorstellt. Alberich, heißt es im Nibelungenlied, bringt  Siegfried dann doch in Bedrängnis. Er will seine Herren rächen, ist also ein Diener von Schilbung und Nibelung.

Rückschließend könnte man nun vermuten, dass der Diener und die Herren aus einem Volk kommen. Dass also König Nibelung, seine Söhne und seine Gefolgsleute allesamt Alben sind. Über ihr Aussehen ist damit nicht viel ausgesagt, da man unter Alben auch Elben, bzw. Elfen versteht, ohne klare Abgrenzung und Definition.

Dass der Zwerg Alberich sich als ein gefährlicherer Gegner als zwölf Riesen und 700 Recken erweist, liegt vielleicht daran, dass er mit einer unsichtbar machenden Tarnkappe kämpft: Wenn man nämlich Parallelen zu Dietrich von Berns Kampf mit Zwergenkönig Laurin zieht, der sich im Laufe des Kampfes eine Tarnkappe überstülpt. Solche Vergleichungen sind im Bereich der Sagen sicher sinnvoll. Konkret wird im Nibelungenlied jedoch nicht erwähnt, ob Alberich mit der Tarnkappe kämpft. Wir erfahren nur, dass Siegfried Alberich bezwingt und ihm die Tarnkappe, von der vorher nicht die Rede war, abnimmt. Die Tarnkappe ist übrigens im frühmittelalterlichen Sprachgebrauch ein Tarnmantel, keine Mütze oder Helm (mittelalterlich: Cappa, zu vergleichen mit Cape).

Bei der Hochzeitsfeier Siegfrieds und Gunthers heißt es, „man sah die Nibelungen mit Siegfried gehen“. Hier ist also die Bezeichnung Nibelungen auf Siegfrieds Gefolge übergegangen. Dies macht auch Sinn, wenn nämlich Siegfrieds Mannen die von ihm besiegten und unterjochten Gefolgsleute König Nibelungs sind.

Am Ende des Nibelungenlieds steht der Satz, „das ist der Nibelungen Not“. Die Rede ist vom Leid der Burgunder – die nun also auch als Nibelungen bezeichnet werden –, an denen Kriemhild für die Ermordung ihres Gemahls Siegfried furchtbare Rache genommen hat.

Die Niflungen in der Edda

In der Edda finden wir eine andere Variante des Nibelungenstoffs. Hier heißen die Nibelungen Niflungen. Nifl wird sicher mit dunkel richtiger übersetzt als mit Nebel. Zumindest im Altnordischen soll das Wort nur diese Bedeutung haben. In der Jüngeren Edda wird der Ort Niflheim (Dunkelheim) erwähnt, ein von Frostriesen bewohnter Ort im Norden, im Gegensatz zum Feuerreich (Muspelheim) des Südens. Nach anderer Erzählung liegt Niflheim als tiefste Ebene der Germanischen Welt unterhalb der Mittelwelt Midgard. In Niflheim haust der Neiddrache Nidhögg, der an der Wurzel der Weltesche Yggdrasil nagt.

Mit diesem Ort haben die Niflungen – die Nibelungen der Edda – jedoch nichts zu tun. Nach der Erzählung der Edda kommt Sigurd zum König Giuki und seinen Leuten, die Giukungen, aber auch Niflungen heißen, wie der Text knapp bemerkt. Als Giukungen bzw. Niflungen werden u.a. aufgezählt: Grimhild, Giukis Weib, und deren Kinder Gunnar (gleichzusetzen mit dem Gunther des Nibelungenliedes), Högni (Hagen) und Gudrun (Kriemhild). Auch Gudrun rächt sich furchtbar, aber nicht an ihren Verwandten für die Ermordung ihres Mannes Sigurd. Vielmehr lockt ihr zweiter Mann Atli (Etzel / Attila) die Niflungen an seinen Hof und überfällt sie aus eigenem Antrieb. Gutrun rächt den Tod von Gunnar und Högni an ihrem Mann Atli, indem sie die eigenen Söhne, die sie Atli geboren hatte, tötet. Sie gibt Atli Wein aus den Schädeln seiner Söhne zu trinken, und ihre Herzen als Braten zu essen.

Von Gutruns späteren drei Söhnen mit ihrem dritten Mann, König Jonakur, heißt es, sie waren „alle rabenschwarz von der Farbe des Haars, wie Gunnar, Högni und die anderen Niflungen“. Hier scheint sich nifl/dunkel ganz banal auf die Haarfarbe zu beziehen, wobei man wohl schon vermuten darf, dass die Haarfarbe ein literarischer Kniff ist, um auf das düstere Schicksal dieser Sippe zu verweisen.