Drachen, Drachentöter

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Von vielen Fantasy-Gemälden kennt man ihn: den strahlenden Helden, der einem Drachen mit dem Schwert den Garaus macht. Die Sagen zeigen jedoch ein differenzierteres Bild vom Drachenkampf.

Schon in der Erzählung von Sigurd (Jüngere Edda), der nordischen Variante des Nibelungenlieds, finden wir eine ungewöhnliche Variante dieser Schlüsselszene. Sigurd tritt dem Lindwurm nicht in offenem Kampfe gegenüber, sondern versteckt sich in einer Grube. Aus diesem Versteck heraus ersticht er den Drachen, als dieser nichtsahnend über die Grube kriecht.

Dass der Drachenkampf nicht immer mit dem Tod des Drachen endet, zeigt die Sage von Ortnit, dem König der Lamparten (Langobarden). Interessant ist die Sage dieses Königs des Lampartenlandes (Lombardei – nördliches Italien) aber vor allem, weil sie die Herkunft des bekämpften Drachens genau beschreibt.

Ortnit belagert mit einem Heer die heidnische Stadt Montabur (auch Muntabure) und entführt die Tochter des Herrschers Machorell. Später schickt Machorell dem Paar zwei Kröteneier, angeblich zur Versöhnung. Es sollen die Eier der Abrahamschen Wunderkröte sein, aus denen Echsen schlüpfen, die einen großen Edelstein in sich tragen.

Überbracht werden die Eier von Machorells Jäger, dem Riesen Welle und seinem Weib Ruotze. Ortnit weist dem Riesenpaar auch freundlich wie gewünscht eine feuchte Kluft in den Bergen zu, wo Ruotze die Eier ausbrüten will.

Es stellt sich dann heraus, dass Machorell aus Rache Dracheneier geschickt hat. Aus den Eiern schlüpfen zwei Lindwürmer, die so schnell heranwachsen, dass ihnen bald zur Nahrung ein ganzes Rind nicht mehr genügt. Schließlich streifen die Drachen umher und verheeren die ganze Gegend.

Ordnit beschließt, die Drachen zu bekämpfen. Er zieht alleine mit Pferd und Hund los. Zunächst trifft er auf Welle und Ruotze, die er beide tötet. Vor der Höhle des einen Drachen findet er jedoch eine blühende Wiese, die durch einen Zauberbann schläfrig macht. Obwohl ihn vorher noch der Zwerg Alberich, Ortnits Vater, davor gewarnt hat, schläft der Held ein. Auch das Gebell seines treuen Hundes Bracke weckt ihn nicht, als der Drache kommt. Der Lindwurm verschlingt den Recken. Nur der Hund kehrt zu Ortnits Gattin zurück.

Diesen Drachen wird schließlich Wolfdietrich töten – in der Sage über Wolfdietrich, die an die Ortnitsage anschließt.

Wolfdietrich ist die Frucht einer verbotenen Liebe. Das Kind wird versteckt, verschwindet und wird schließlich in einem Wolfsnest aufgefunden, ohne dass ihm die Wölfe etwas angetan haben.

Recht phantastische Begebenheiten weiß die Sage zu berichten: Wolfdietrich begegnet einem scheußlichen Moorweib, der Rauchelse. Die entpuppt sich als verzauberte schöne Frau namens Sigeminne, Königin in „Alten-Troja“. Dorthin fährt Wolfdietrich mit ihr, nachdem er sie vom Fluch erlöst hat. Übers Meer bringt sie ein wundersames Schiff, das statt Segel Greifenflügel hat, dessen Bug ein Fischkopf ist und an dessen Heck sich ein aus Zedernholz geschnitzter Meermann befindet. Sein Arm ist die Ruderpinne, sein Fischschweif das Ruder. Ohne dass die Reisenden etwas machen müssen, führt er das Schiff überallhin, wohin sie sich wünschen.

Nach dem Tod von Sigeminne kommt Wolfdietrich ins Lampartenland. Er erfährt von Ortnits Schicksal und beschließt, dessen Tod am Drachen zu rächen. Auch dieser Kampf wird wenig heroisch geschildert. In der Drachenhöhle findet er nur fünf junge Lindwürmer vor. Der alte, ihre Mutter, war auf Fraß ausgezogen. Um die zurückkehrende Drachenmutter nicht frühzeitig zu warnen, lässt er die Jungdrachen am Leben.

Auch er begegnet vor der Drachenhöhle dem Zwerg Alberich, auch er wird vor dem Einschlafen gewarnt. Trotzdem wirkt der Zauberbann der Wiese: Wolfdietrich schläft ein und lässt sich weder durch Alberich noch durch sein Ross wecken. Erst durch das Gebrüll des Drachen erwacht der Recke. Doch im Kampf zerbricht sein Schwert in Stücke. Der Drache trägt den Helden und sein Pferd als Beute zur Felsenkluft und wirft sie seinen Jungen vor.

Das Gewürm stürzt sich auf Wolfdietrich, doch können sie seine Rüstung nicht zerbeißen. Sie zerren ihn so lange hin und her, bis der gemarterte Mann ohnmächtig wird. Dann zerfleischen sie sein Ross. Erst in der Nacht erwacht der Held neben den schlafenden Drachen.

Er tastet um sich und findet die Gebeine vieler Helden, auch die Ortnits samt seiner Rüstung und seinem sagenhaften Schwert „Rosen“ (beides, die Rüstung und das Schwert, hatte Ortnit von seinem Vater Alberich erhalten).

Wolfdietrich schüttelt die Gebeine aus der Rüstung, legt sich den von den Zwergen geschaffenen Harnisch an und ergreift das Schwert Rosen. Mit ihm kämpft er erneut gegen den Drachen, und diesmal gelingt es ihm, das Untier und seine Brut zu töten. Als Beweisstücke schneidet er den toten Lindwürmern die Zungen ab und nimmt sie mit. Daran hat er gut getan, denn ein Ritter findet die toten Drachen, schlägt ihnen die Köpfe ab und gibt sich am Königshof als Drachentöter aus. Durch die Drachenzungen kann Wolfdietrich seine Tat beweisen, wird König der Lamparten und heiratet Ortnits Witwe.

Das Motiv mit den herausgeschnittenen Drachenzungen ist in das Grimmsche Märchen „Die zwei Brüder“ eingeflossen.

Ebenfalls ein Drachentöter ist Beowulf. Nachdem er das Moorungeheuer Grendel getötet hat und König geworden ist, zieht er als Greis gegen einen Drachen. Dieser verheerte das Land, seit ihm eine goldene Kanne aus seinem Schatz geraubt wurde. Zusammen mit seinem treuen Freund Wichstan tötet Beowulf den Drachen, erliegt aber kurz darauf seinen Wunden aus dem Kampf.