Hagen von Tronje

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Das Nibelungenlied ist eine erstaunliche Geschichte. Über 2300 Strophen hat das Epos, doch schon nach 1000 Strophen ist der strahlende Held Siegfried tot – „die Sichel des Todes schnitt wie seit alters her scharf zu“, heißt es im Lied.

Dann kreist die Geschichte um den Meuchelmörder Hagen von Tronje und um Siegfrieds Witwe und Rächerin Kriemhild. Der grimmige Hagen steigt fast unbemerkt zum eigentlichen Helden der Geschichte auf. Die gerechte Rächerin Kriemhild wandelt sich dagegen zur Furie und damit zum Bösewicht der Geschichte.

Ein verblüffender Plot, den kein Drehbuchautor heute irgendwo einreichen könnte. Eine Achterbahnfahrt der Sympathien und Identifizierungen – erst mit dem Helden, dann mit dem Schurken, der zum Helden wird. Und dabei bemüht sich das Nibelungenlied nicht, Hagen von Tronje bei seinem Aufstieg zum Helden wenigstens mit sympathischen Zügen auszustatten: Düster und zwiespältig bleibt die Figur bis zuletzt!

Um seine erschlagenen Knappen zu rächen, schlägt Hagen ohne zu zögern dem Kind des Hunnenkönigs Etzel den Kopf ab – dass „das Haupt in Kriemhilds Schoß flog“, wie es im Nibelungenlied heißt, also in den Schoß der Mutter. Später, im brennenden Gebäude, ermuntert Hagen seine Gefährten, ihren Durst durch das Blut der Gefallenen zu löschen. Eine schaurige Szene!

Hier agiert ein Recke, der nichts mehr zu verlieren hat. Der Schlüssel zum Charakter Hagens im zweiten Teil des Epos, in dem das Nibelungenlied von Kriemhilds Rache berichtet, befindet sich in einer zunächst unscheinbaren Szene: in den Versen 1533 – 1549 begegnet Hagen von Tronje an der Donau zwei badenden Meerweibern (merwip): Hadeburg und Siglind.

Hagen von Tronje und die Meerfrauen Hadeburg und Siglind

Das Ganze beginnt wie ein Schulbubenstreich. Hagen entwendet die Gewänder der beiden Meerfrauen. Um diese zurück zu erlangen, lügen sie ihn an und weissagen, dass den Burgundern am Hofe Etzels große Ehren widerfahren werden. Nachdem Hagen ihnen die Kleider gegeben hat, prophezeien Hadeburg und Siglind aber, dass von allen Burgundern nur der Kaplan lebend zurückkommen wird.

Warum lassen Meerfrauen – also Nixen – überhaupt zum baden Kleidung am Ufer zurück? Mir ist eine Nacherzählung der Sage bekannt, in der die Frauen als Schwanjungfrauen bezeichnet werden. Hierfür gibt es im Nibelungenlied zwar keinen Hinweis, aber dieser Gedanke hat eine gewisse Logik. Eine Schwanjungfrau kann durch ihr magisches Gewand, ein Federnkleid, fliegen. Durch das Anlegen des Gewandes wandelt sie sich in einen Schwan.

Mythische Schwanjungfrauen kommen in anderen Heldensagen vor, z.B. in der Sage von Wieland, dem Schmied. Auch dort werden ihre Gewänder geklaut. Ohne die Zaubergewänder können sie sich nicht in ihre tierische Gestalt zurückverwandeln und davonfliegen. Dies würde erklären, warum Hadeburg und Siglind unbedingt ihre Gewänder zurückhaben wollen. Denn dass der Grund hierfür Scham ist, erscheint für Nixen unpassend.

Später, bei der Flussüberquerung des ganzen Trupps, wirft Hagen den Kaplan des Trosses aus dem Boot und versucht ihn zu ertränken. Hagen will prüfen, ob die Meerfrauen richtig geweissagt haben. Stirbt der Kaplan, lagen die Meerfrauen schief, und Hagen müsste auch den Rest der Prophezeiung nicht ernst nehmen. Doch der Kaplan kann sich an das Ufer retten und marschiert zurück ins Burgunderland. Eine interessante literarische Konstruktion: gerade durch Hagens Probe bewahrheitet sich die Prophezeiung.

Hagen und der Kaplan

Ab diesem Moment weiß Hagen, dass er und seine Gefährten den Hof Etzels nicht mehr lebend verlassen werden. Die Donau ist für Hagen zum Styx geworden, zum Fluss, der die Welt der Lebenden und Toten trennt. „Seid gewiss, uns naht der Tod“, sagt er später zu seinen Gefährten, den Nibelungen. Hagen und die Nibelungen sind Tote auf Abruf. Ein moderner Mensch würde versuchen, das Schicksal abzuwenden, seine Gefährten zur Umkehr zu bewegen oder durch ein Gespräch mit Etzel, dem König der Hunnen, den Kampf zu vermeiden. Auch der Erzähler des Epos glaubt an diese Möglichkeit: „Hätte jemand Etzel die wahren Hintergründe (von Kriemhilds Racheabsichten) gesagt“, heißt es an einer Stelle im Nibelungenlied, „dann hätte er (Etzel) verhindert, was später geschah.“

Nicht so Hagen von Tronje. Er ist ganz ein Kind dieses magischen Zeitalters. Er versucht nicht, seinem Schicksal auszuweichen. „Das ist ein kleiner Schaden“, sagt er, „… wenn ein Held durch einen Recken Leib und Leben verliert.“ Die höfische Etikette streift er ab und steht nicht vor der Königin Kriemhild auf. Dem Sohn Etzels prophezeit der „mordgrimmige“ Hagen zum Verdruss des Vaters einen frühen Tod und schlägt ihm dann später selbst den Kopf ab. Die weiteren Strophen im Nibelungenlied könnten überschrieben werden: Ein Mann sieht rot! Als Fatalist beendet Hagen von Tronje sein Leben.