Hel

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Die Hel als Kreatur – Die Herrscherin über das Totenreich

Hel ist eines der Nachkommen, die der Feuergott Loki mit der Riesin Angurboda gezeugt hat. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern, dem Fenriswolf und der Midgardschlange (Jörmungand), ist sie von menschlicher Gestalt, aber von einem grimmigen furchtbaren Aussehen: halb blauschwarz, halb menschenfarbig – also halb tot, halb lebendig.


Hel herrscht über das gleichnamige Totenreich. Ihr Saal heißt Elend, ihre Schüssel Hunger, ihr Messer Gier, Gangträge ihr Knecht – Gehfaul ihre Magd (Ganglat und Ganglöt), ihre Tür Fallendes Unheil, ihr Bett Kümmernis und ihr Vorhang Dräuendes Unheil.

Die Hel als Ort – Das Totenreich

Als Ort ist die Hel (auch „der“ Hel) das Totenreich. Trotz der Wortverwandtschaft mit „Hölle“ ist die Hel kein Ort der Strafe, sondern lediglich ein Aufenthaltsort der Toten (Hel, altnordisch: „die Bergende“). In die Hel kommen die an Krankheit oder Altersschwäche gestorbenen Menschen. (Während die im Kampf gefallenen Helden nach Walhall kommen.)

Die Hel liegt unter den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil. In der Jüngeren Edda, die erst in christlicher Zeit geschrieben wurde, heißt es, dass „böse Menschen“ nach ihrem Tod zu Hel fahren und danach „gen Niflhel“, das „unten in der neunten Welt“ liegt (siehe dazu den Kosmos der Germanen). Die Niflhel wäre somit ein Ort, der noch unter oder hinter der Unterwelt Hel liegt. Oder innerhalb dieser Unterwelt ganz unten.

Teilweise wird die Hel aber auch im Norden verortet und mit Niflheim (Dunkelheim) gleichgesetzt, das sowohl im eisigen Norden als auch unter den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil liegen soll.

In der Jüngeren Edda heißt es, dass Odin Hel, die Tochter Lokis, hinab nach Niflheim warf und ihr „Gewalt über neun Welten“ gab. Diese Passage ist irritierend. Müsste es nicht vielmehr heißen, dass er ihr Gewalt über die neunte Welt gab? Nämlich nur über das Totenreich Hel? Im Germanischen Kosmos gibt es neun Welten: 1. Asgard, 2. Vanaheim, 3. Ljossalfheim, 4. Midgard, 5. Jötunheim, 6. Niflheim, 7. Muspelheim, 8. Svartalfheim, 9. Helheim. Nach anderer Aufteilung fällt Niflheim und Helheim zusammen. Dafür kommt das Zwergenreich Nidavellir hinzu. In jedem Fall ist klar, dass Hel nur über die neunte Welt – das Totenreich Hel – herrscht.

Vielleicht ist die Textpassage aber auch ein Hinweis darauf, dass sich das Totenreich in neun Bereiche gliedern könnte. Ähnlich wie Dante in seiner Göttlichen Komödie die Hölle in neun Höllenkreise unterteilt. Die Göttliche Komödie ist 100 Jahre nach der Jüngeren Edda entstanden. Auf eine solche mögliche Unterteilung geht die Edda jedoch nicht weiter ein. Dies bleibt reine Spekulation.

Interessant ist ein Hinweis, den Jacob Grimm in seiner Deutschen Mythologie gibt: Im Gegensatz zur feurigen christlichen Hölle stellten sich die Germanen das Totenreich Hel eher kalt vor. Die Hel liegt in oder nahe bei Niflheim. Niflheim wurde als eisiges Reich im Norden beschrieben und als Gegensatz zum Feuerreich des Südens – Muspelheim – gesehen.

Aus einer Sage, die erzählt, wie der Gott Hermodr das Totenreich aufsuchte, erfahren wir etwas über den Zugang zur Hel. Hermodr reitet neun Tage und Nächte durch tiefe dunkle Täler. Schließlich kommt er an den Gjöllfluss, den er auf der Gjöllbrücke (auch Gjallarbrú), die mit Gold belegt ist, überquert. Er wird von Modgudr („zorniger Kampf“), einer Jungfrau, die die Brücke bewacht, angesprochen. Nach mancher Auffassung handelt es sich bei Modgudr um eine Riesin. Modgudr sagt ihm, dass der Weg zu Hel weiter nördlich hinab führt. Hermodr kommt an ein Gitter, das Helgitter, das er mit dem Pferd überspringt und schließlich tritt er in die Halle (der Ort Hel ist also ein imposantes Gebäude). Hier trifft er seinen gestorbenen Bruder Balder auf einem Hochsitz thronend an.

Nach anderen Quellen wird die Halle der Hel eher schaurig beschrieben: Die Wände sind aus Schlangenleibern geflochten und durch Löcher im Dach fallen Gifttropfen herab. Den Eingang zur Unterwelt bewacht der riesige vieräugige Hund Garm, der in einer Höhle lebt, der Gnupahöhle (auch Gnipahellir, „überhängende Höhle“).