Parzival und Kundrie la Surziere

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Zugegeben: Der Parzival des Wolfram von Eschenbach gehört nicht direkt zum germanischen Sagenkreis, sondern kann allenfalls als ein Seitenzweig, eine Verlängerung in ein anderes Zeitalter angesehen werden. Doch diese äußerst phantasievolle – und teilweise sehr humorige – Erzählung ist eine Erwähnung wert. Und immerhin entstand der Parzival vermutlich fast zeitgleich mit dem Nibelungenlied (Anfang des 13. Jh).

Parzival fällt die Aufgabe zu, Anfortas, den Herrn der Gralsburg Munsalwäsche, von seinem Leiden an einer Wunde zu erlösen, indem er sich nach dessen Befinden erkundigt. Parzival stellt die Frage nicht, was dazu führt, dass er viele Irrfahrten durchlaufen muss, bevor er selbst zum Herrn von Munsalwäsche wird und fortan den Gral hütet. (Übersicht der sehr komplexen Handlung – siehe Parzival bei Wikipedia)

Kundrie la Surziere

Auf diesem langen Weg zu seiner Bestimmung gelangt Parzival auch an den Hof von König Artus und wird in die Tafelrunde aufgenommen. Hier verflucht ihn Kundrie la Surziere (bei R. Wagner im Parsifal: Kundry) – wegen seines mitleidlosen Verhaltens auf der Gralsburg.

Das Erscheinen von Kundrie la Surziere (sorciere: Hexe) wird bei Wolfram von Eschenbach zu einem ganz großen Auftritt … einer intellektuellen Frau der Ritterzeit. Oder sollte man lieber Megäre sagen? Schon das Maultier, auf dem sie geritten kommt, ist ganz ihrer würdig: fahl und voller Male, die dem Tier ausgebrannt worden sind. Die Nüstern hatte man ihm aufgeschlitzt, damit es besser Luft bekommt.

Kundrie la Surziere
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Kundrie la Surziere sprach alle Sprachen: Lateinisch, Heidnisch und Französisch. Ihr Geist war höchst gebildet. Aber – schreibt Wolfram mit einem Augenzwinkern – ihr Mundwerk war nicht lahm: es redete lang und gern. Und schlug damit alle Freude nieder!

Kundrie war nach der neuesten französischen Mode gekleidet. Aber sie war nicht gerade eine Schönheit. Sie hatte eine Nase wie ein Hund, Ohren wie ein Bär. Struppig war ihr Antlitz. Zwei Eberzähne ragten ihr spannenlang aus dem Mund. Die Augenbrauen hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. Eine „imposante“ Erscheinung also, die dem Parzival die Leviten liest.

Auch Kundries Bruder Malkreatür (als „schlechte Kreatur“ zu deuten?) kriegt bei Wolfram von Eschenbach sein Fett weg. Auch ihm stehen Eberzähne aus dem Mund. Sein Haare sind wie Igelstacheln, an denen sich der Ritter Gawan (auch Gawain) die Hand blutig reißt.

Mit Gawan sind wir bei einer ausgedehnten Nebenhandlung des Parzival, die ebenso köstlich wie die eben vorgestellten Figuren ist. Gawan verliebt sich in Orgeluse von Logrois, einer weiteren originellen Frauenfigur von Wolfram. Im Gegensatz zu Kundrie la Surziere ist sie allerdings bildschön. Den Augen ist sie „ein süßer Anblick ohne Schmerz, dem Herzen aber eine Spannsehne“. Dies bezieht sich auf ihre schnippischen Kommentare, die sie zuhauf von sich gibt.

Als Gawan ihr gesteht, dass ihm „niemals ein Weib besser gefallen hat“ bemerkt sie sehr trocken: „Das mag wohl sein. Nun weiß ich auch das.“ Mancher Mann „wirft seine Augen so kühn (nach Frauen), dass er sie mit einer Schleuder sanfter werfen würde“, lästert Orgeluse über Gawan. Sie ist bei all ihrer Süßigkeit doch ganz sauer, „wie ein von Sonnenstrahlen durchglänztes Ungewitter“. Man sieht: Auch im Mittelalter hatte manche Rose schon Dornen.

Die Abenteuer des Gawan

Nicht weniger originell als diese Frauenfiguren sind die Abenteuer, die Gawan im Zauberschloss Schastel marveile (auch Schastelmarveile) erlebt, in Klingsors Zauberschloss.

Klingsor (auch Klinschor) wird von einem eifersüchtigen Ehemann, dessen Frau er verführt hat, „zwischen den Beinen glatt gemacht“, also kastriert wie ein Kapaun. Die Folge war, dass er weder Mann noch Weib Gutes gönnte. Er erlernt die Schwarze Magie und erschafft Schastel marveile. In diesem Zauberschloss hält er 100 Frauen gefangen, die fortan aus den Fenstern des Schlosses schauen und auf Erlösung hoffen.

Um die Frauen zu erlösen, hat Gawan auf Schastel marveile ein seltsames Abenteuer mit dem Zauberbett Lit marveile (auch Litmarveile), das „magische Bett“, zu bestehen – ein Abenteuer, das wohl die Schwierigkeiten der Minne symbolisiert: Denn das Bett Lit marveile rollt auf seinen Rädern aus runden Rubinen immer wieder vor Gawan davon, der überhaupt Schwierigkeiten hat, auf dem spiegelglatten Boden der Kemenate zu stehen. Erst mit einem Hechtsprung erreicht er das Bett, das nun mit ihm wie wildgeworden hin und her gegen die Wände stößt.

Schließlich bleibt es stehen. 500 Steinschleudern und 500 Armbrüste schießen ihre Geschosse auf Gawan ab. Dann kommt ein in Fischhaut gekleideter Riese ins Gemach, der Gawan die letzte Aufgabe verkündet: gegen einen Löwen zu kämpfen. Schon springt ein großer Löwe herein, den der Ritter mit knapper Not bezwingt.

Die Episode mit dem Bett Lit marveile ist unverwechselbar komisch. Wer den Stoff aus Wagners Parsifal kennt, glaubt, es handle sich bei Parzival vor allem um eine sehr weihevolle Geschichte. Stattdessen ist der Parzival des Wolfram von Eschenbach voller humoriger Einfälle. Zum düsteren Nibelungenlied verhält sich das Werk wie ein Scherzo in Dur zu einem Requiem in Moll. Es lohnt sich also ein Blick in das Original. Wobei für die meisten Leser eine Übersetzung in Prosa sicher leichter verdaulich ist, als die ca. 25.000 mittelhochdeutschen Verse des Wolfram von Eschenbach.