Sigurd und die Niflungen

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Die skandinavische Variante der Nibelungensage

Die Jüngere Edda erzählt im zweiten Buch, der Skáldskaparmál – einem Lehrbuch für Skalden (Dichter) –, die Geschichte Sigurds. Sigurd ist der skandinavische Siegfried. Seine Geschichte ist in vielen Teilen identisch mit dem Nibelungenlied. Umso überraschender sind die Abweichungen.

Der Drachenkampf

Das Nibelungenlied füllt ein dickes Buch, die Geschichte Sigurds in der Jüngeren Edda nur wenige Seiten. Trotzdem berichtet die Edda genauer vom Drachenkampf. Im Nibelungenlied heißt es dazu nur kurz: „Einen Drachen, den schlug des Helden Hand. Er badete sich in dem Blut …“

Die Skáldskaparmál führt den Kampf genauer aus – und weicht dabei deutlich von der Szene ab, wie sie üblicherweise auf Abbildungen zu sehen ist: Sigurd begibt sich zur Gnitaheide, dem Feld, wo der Drache Fafnir haust. Er gräbt eine Grube und setzt sich hinein. Als Fafnir zum Wasser kriecht und dabei über die Grube kommt, durchbohrt Sigurd ihn von unten mit dem Schwert Gram.

Sigurd tötet den Drachen Fafnir

 

Siegfrieds Tod – Sigurds Tod

Eine ganz andere Fassung als im Nibelungenlied erzählt die Jüngere Edda über die Ermordung des Helden. Im Nibelungenlied tötet der düstere Hagen von Tronje Siegfried auf der Jagd. In der Sigurderzählung plant Hagen, der hier Högni heißt, zusammen mit Gunnar (im Nibelungenlied Gunther) den Mord an Sigurd (Siegfried). Aber da sie mit Sigurd Brüderschaft geschworen haben, stiften sie ihren Bruder Gutthorm (kommt im Nibelungenlied nicht vor) zu der Tat an.

Gutthorm geht in Sigurds Gemach und durchbohrt den Recken im Schlaf. Der todwunde Sigurd hat jedoch noch die Kraft, sein Schwert Gram nach dem Mörder zu werfen. Gram schneidet Gutthorm in der Mitte durch.

Gutthorm ersticht Sigurd

 

Kriemhilds Rache – Gudruns Rache

Gudrun (im Nibelungenlied Kriemhild), Sigurds Witwe, heiratet Atli (Etzel). Doch während im Nibelungenlied Kriemhild an ihren Brüdern für Siegfrieds Ermordung grausame Rache nimmt, ist es in der Sigurderzählung König Atli selbst, der Gunnar und Högni zu sich einlädt und töten lässt – gegen den Willen seiner Frau Gudrun. Dem Högni lässt Atli bei lebendigen Leibe das Herz aus dem Leib schneiden. Gunnar landet im Schlangenhof. Heimlich wird Gunnar eine Harfe gebracht – von wem, sagt die Skáldskaparmál nicht. Da seine Hände gefesselt sind, spielt er die Harfe mit den Füßen und bringt die Schlangen zum einschlafen. Bis auf eine, die ihn beißt, den Kopf in die Wunde steckt und an seiner Leber nagt, bis er tot ist.

Gunnar im Schlangenhof

Gudrun rächt den Tod ihrer Brüder an ihrem Mann Atli, indem sie ihre gemeinsamen Söhne tötet und dem Vater in ihren Schädeln Wein mit ihrem Blut zu trinken gibt und ihre gebratenen Herzen zu essen. In der folgenden Nacht ermordet sie zusammen mit Högnis Sohn den König Atli und springt danach ins Meer, um sich umzubringen.

Das weitere Schicksal der Niflungen (Nibelungen)

Während das Nibelungenlied mit den Untergang der Burgunder an König Etzels Hof endet, hat die Sigurderzählung der Jüngeren Edda noch ein Nachspiel: Gudrun überlebt ihren Selbstmordversuch. Sie wird an das Land von König Jonakur geschwemmt, der sich mit ihr vermählt und dem sie drei Söhne schenkt. Hier beginnt eine kurze aber sehr verwickelte Handlung, in der Gudrun diese drei Söhne als Meuchelmörder gegen einen anderen König, den König Jörmunrek schickt. Auf dem Weg wird der dritte Sohn, Gudruns Lieblingskind, von seinen Brüdern aus Eifersucht getötet. Die Brüder kommen noch zu König Jörmunrek, schlagen ihm Arme und Beine ab und werden auf seinen Befehl hin gesteinigt.