Urnes

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Dain, Dwalin, Duneyr oder Durathror am Weltenbaum?

An der Stabkirche von Urnes (Norwegen) wurden mit Schnitzereien verzierte Teile einer nicht mehr erhaltenen älteren Holzkirche verbaut: Eine Säule, zwei Planken und ein Portal. Dem Motiv nach könnten sie auch von einem Gebäude aus heidnischer Zeit stammen, stellen sie doch mythische Fabelwesen dar.

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Ähnliche geschnitzte Portale findet man an vielen Stabkirchen. Das Portal von Urnes fällt durch einen großzügigen Rhythmus der Schlingen aus sehr dicken und sehr dünnen Ranken auf, weshalb man auch vom Urnes-Stil spricht.

Die ursprüngliche Bestimmung dieses Portals, heute an einer Seitenwand der Kirche von Urnes angebracht, war sicherlich die eines Haupteingangs. Wer auch immer das frühere Gebäude betrat, musste durch eine schmale Tür hindurch. Eine umgekehrte Geburt gewissermaßen, hinein in einen dunklen Innenraum. Auf dieses mystische Erleben wurde er durch die quasi ‚hypnotisierendeʻ Schnitzerei vorbereitet.

Auffällig ist das Tier unten rechts. Es wurde von Kunsthistorikern als Drache, Pferd oder Hirsch gedeutet. Für den Drachen spricht die Kopfform, die der von Drachenköpfen an anderen Stabkirchen gleicht. Als Pferd könnte man es aufgrund der stilisierten Mähne ansehen.

Die Deutung als Hirsch ist ein Versuch, das Motiv mit der Edda in Verbindung zu bringen. Hierbei wird die stilisierte Mähne recht mutig als Geweih interpretiert. Das Lied Grimnismal der Älteren Edda berichtet von vier Hirschen, die an der Weltesche Yggdrasil weiden (Strophe 33). Dies erzählt auch die Jüngere Edda. Sie heißen Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror. In Strophe 35 des Liedes ist nur noch von einem Hirsch die Rede. Dies ist aber vermutlich nicht als Einzahl gemeint, sondern der dichterischen Sprache verschuldet: „ … der Hirsch weidet oben … unten nagt (der Drache) Nidhöggr.“

Strophe 34 erzählt von Schlangen am Weltenbaum, was den Bezug zum Portal mit seinen vielen schlangenartigen Wesen deutlicher macht. Es sind mehr ‚Würmerʻ, als die unklugen Affen meinen, singt der Dichter. Dann zählt er die Schlangen auf: Es sind Goin und Moin, und dann noch vier weitere mit den Namen Grabakr, Grafwölludr, Ofnir und Swafnir. Sie alle zehren von den Wurzeln.

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Tiere am Weltenbaum Yggdrasil: Rechts der Hirsch Dain (dargestellt im Urnes-Stil), der die jungen Triebe frisst. Unten die Schlangen Goin und Moin, links der Drache Nidhöggr und das Eichhörnchen Ratatöskr.

Das Tier unten rechts am Portal wäre also Dain, Dwalin, Duneyr oder Durathror in den sich Goin oder Moin verbissen hat? Oder gar der Hirsch Eikthyrnir, von dem es in der Strophe 26 des gleichen Liedes heißt, dass er vor Heervaters Saal steht und vom Laub des Baumes Lärad zehrt? (Der Baum Lärad wird von der Forschung mit der Weltesche Yggdrasil gleichgesetzt.)

Das Tier am Portal und ein Schlangenwesen beißen sich gegenseitig in den Hals. Von einem Kampf zwischen den Hirschen und den Schlangen berichtet das Lied Grimnismal jedoch nichts. Die Hirsche Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror haben die gleiche Funktion wie die Schlangen Goin und Moin: Sie alle schädigen den Weltenbaum. Dieser Baum ist am Portal auch nicht abgebildet, außer, man sieht die pflanzenartig wuchernden Ranken als eine Andeutung desselben an.

Die Frage ist natürlich auch, ob der Künstler des Portals von Urnes überhaupt an einer direkten Darstellung der mythischen Erzählungen gedacht hat – im Sinne von heutigen Buchillustrationen? Wahrscheinlicher ist es, dass er ein magisches Flechtband schaffen wollte, zum Schutze des Eingangs oder um den Eintretenden auf die innen stattfindenden Mysterien vorzubereiten. Dargestellt ist, dass alle Wesen miteinander im Kampfe liegen, aber auch durch diesen ewigen Kampf miteinander verwoben sind.

Das Lied Grimnismal erzählt, wie die mystischen Wesen die Grundlage ihrer Existenz (den Weltenbaum) langsam zerstören. Es berichtet auch von einem Streit des Drachens Nidhöggr –der wie Goin und Moin die Wurzeln der Weltesche benagt – mit einem Adler in der Baumkrone. Dieser Streit wird von dem Eichhörnchen Ratatöskr noch unermüdlich geschürt. Dies ist die Verbindung zwischen Lied und Portal, vielleicht zwischen den meisten Erzählungen aus grauer Vorzeit: Der immerwährende Kampf, durch den die Wesen der Welt miteinander verbunden sind.

1979 wurde die Stabkirche von Urnes aufgrund der Schnitzereien in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen.

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Moderner Grabstein aus Holz im Urnesstil (Polen). Name unkenntlich gemacht. Die linke Seite ist dem Portal nachempfunden. Hier wurde die Interpretation des Tieres als Pferd zugrunde gelegt (stilisierte Mähne). Das Motiv rechts wurde vom Bildhauer stilgerecht hinzuerfunden.